
Sportzentrum Kerenzerberg
Geschäftsbericht 2024: Zwischen Samba, Horizonterweiterung und Sprachbarriere
Einmal rund um den Globus: So könnte man das Team des Sportzentrums Kerenzerberg umschreiben. Viele der 60 Mitarbeitenden stammen aus unterschiedlichen Ecken der Welt. In Kurzporträts sprechen fünf von ihnen über ihre Herkunft und schildern, wie sie die Brücke nach Filzbach geschlagen haben.
Criss Chavez Espinal, 36, Peru

Fotos: Kurt Schorrer
Criss ist ein neues Gesicht im Sportzentrum Kerenzerberg. Seit dem Frühling 2024 arbeitet sie im Restaurantteam. Ihr Deutsch sei noch nicht so gut, meint die 36-Jährige. Und dass viele dann noch Schweizerdeutsch sprechen, mache das Lernen nicht einfacher. «Doch die Leute sagen mir, dass sie mich verstehen. Das ist das Wichtigste.»
Zweimal in der Woche geht sie in den Deutschkurs. Ihre Muttersprache: Spanisch. Geboren ist Criss nämlich in Lima, der Hauptstadt von Peru. Dort ging sie auch zur Schule und studierte an der Universität. Mit 20 wechselte sie dann jedoch den Kontinent: Von der Westküste Südamerikas ging es nach Spanien. In Madrid kellnerte sie sich durch zahlreiche Restaurants. «Eine spannende Erfahrung» nennt Criss diesen Teil ihres Lebens: «In Spanien sind alle Menschen so offen miteinander. Obschon ich dort allein lebte, fühlte ich mich nie richtig allein.»
Dennoch zog sie vergangenes Jahr zu ihrer Familie in die Schweiz. Filzbach sei das komplette Gegenstück zur lauten, hektischen und pulsierenden Atmosphäre der Metropole Madrid – was aber keineswegs schlecht sei. «Ich geniesse die Ruhe hier oben.» Sie fühle sich sicher und geborgen, und es sei schön, mit der Familie zusammen zu sein. 10'600 Kilometer entfernt von Lima scheint Criss ihre neue Heimat gefunden zu haben.
Kandeepan Satkunam, 39, Sri Lanka

«Als ich dreieinhalb Jahre alt war, ist mein Vater gestorben.» Kandee sagt diesen Satz mit einem Lächeln im Gesicht. Das mag im ersten Moment bizarr klingen, doch es wird schnell klar: Kandee, aufgewachsen in Sri Lanka, spricht gerne über seine Herkunft. Denn trotz des frühen Schicksalsschlags habe er gute Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend.
Gemeinsam mit seiner Mutter und seinem Bruder lebte er ein «normales Leben», besuchte die Schule und arbeitete später als Handwerker. Doch dann kam der Krieg nach Sri Lanka und Kandee musste sich entscheiden: kämpfen oder fliehen. «Wegen meiner Mutter entschied ich mich für Letzteres. Und so kam ich 2009 in die Schweiz.»
Der damals 21-Jährige begann als Küchenhilfe zu arbeiten. Und landete schliesslich 2013 im Sportzentrum Kerenzerberg. Der damalige Betriebsleiter Walter Hoffmann gab ihm nicht nur eine Stelle, sondern unterstützte Kandee auch dabei, ein Visum für einen langfristigen Aufenthalt zu erhalten. «Für das bin ich Walter sehr dankbar.»
Nun ist Kandee seit über einem Jahrzehnt im Kerenzerberg tätig und fühlt sich sehr gut integriert – trotz Sprachbarriere. So verwechsle er gelegentlich das «Du» und «Sie», was ihm unangenehm sei. «Doch die Leute respektieren und verstehen mich.» Mit seiner Familie ist er weiterhin in Kontakt, Sehnsucht nach Sri Lanka hat er aber keine. Er spricht nur gerne darüber – eben, mit einem Lächeln im Gesicht.
Maria Ferreira Valhino, 62, Portugal

Die Natur, das Wetter, das allgemeine Leben: In der Schweiz sei alles ein My dynamischer und hektischer als in Portugal, ihrem Heimatland, erzählt Maria. Vor allem gebe es Unterschiede zwischen den Naturellen der Menschen. «Hier ist man etwas ernster und geregelter, man denkt viel ans Arbeiten. In Portugal lebt man einfach vor sich hin», sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln. Letzten Endes stört dies Maria aber nicht, im Gegenteil, sie fühlt sich hier sehr wohl. Und das, obschon sie die Mehrheit ihres Lebens auf der iberischen Halbinsel verbracht hatte.
Bis vor zehn Jahren lebte sie 30 Kilometer entfernt von der Grossstadt Porto, arbeitete unter anderem in einer Fabrik, wo Sofas hergestellt wurden. Doch dann verlor Maria ihre Stelle. Ihr Mann Eduardo reiste in der Folge in die Schweiz, um Arbeit zu suchen, fand sie im Sportzentrum Kerenzerberg. Sogleich holte Eduardo Maria mitsamt Sohn ins Glarnerland. Maria konnte ebenfalls als Reinigungskraft zum Sportzentrum dazustossen – entstanden ist mit Eduardo quasi ein kleiner «Familienbetrieb» innerhalb des grossen SZK-Teams.
Und so teilen sich nun die Schweiz und Portugal den Platz im Herzen von Maria. Die Brücke nach Portugal besteht aber weiterhin: Jedes Jahr geht sie einige Wochen zurück an den Atlantik, primär wegen der Familie. Die ist nämlich gross: «Ich habe sechs Geschwister, Eduardo sieben.»
Gisleine Pietschmann, 38, Brasilien

Den Rhythmus habe sie im Blut, sagt Gisleine. «Wie fast alle Menschen aus Brasilien.» Einen Grossteil ihrer Kindheit und Jugend hat die 38-Jährige dort verbracht, mitten im Herzen des fünfgrössten Landes der Welt. Im Alter von 14 Jahren kam dann jedoch der grosse Umbruch in ihrem Leben: Ihre Mutter heiratete einen Schweizer, es folgte der Umzug nach Europa.
«Hiess es zuerst, dass nur meine Schwester mitgeht und ich in Brasilien bleibe, musste ich schliesslich doch auch mitkommen. Das war im ersten Moment ein kleiner Schock.» Einerseits liess sie ihr Leben und ihr soziales Umfeld mit all ihren Freunden zurück, andererseits zog sie plötzlich in ein komplett fremdes Land. «Das Wetter, die Kultur, die Menschen: Alles war anders.»
In einer Integrationsklasse lernte Gisleine schnell Deutsch – «eine sehr schwierige Sprache» – und schloss die Schule ab. Fortan arbeitete sie als Reinigungskraft, seit drei Jahren ist sie im Sportzentrum Kerenzerberg tätig. Gisleine geniesst es dort, die Idylle hoch über dem Walensee habe etwas Beruhigendes – und dann ist da noch der Schnee: «14 Jahre lang habe ich nie Schnee gesehen, und plötzlich hast du ihn fast jeden Winter. Ich habe mich richtig in den Schnee verliebt».
Ein Stück Brasilien ist aber in Gisleine geblieben: der Rhythmus, dieser Samba im Blut, durch welchen sie stets vor Energie strotzt und damit auch das Team ansteckt.
Pascal Schmid, 24, Schweiz

Es ist wortwörtlich ein Heimspiel für Pascal. In Benken aufgewachsen, nun wohnhaft in Arvenbühl oberhalb Amden, hat er das Sportzentrum Kerenzerberg schon sein ganzes Leben in Sichtweite. Und jetzt, seit zwei Jahren, arbeitet er dort am Empfang.
Pascals Heimat, sie bleibt omnipräsent. Er müsse eigentlich nur zwischen den beiden Talseiten pendeln, ob auf zwei oder vier Rädern, sagt der 24-Jährige. «Das ist ein absolutes Privileg.» Gleichzeitig geniesse er es aber auch, in einem Team zu arbeiten, in welchem nicht alle aus dem gleichen Tal stammen. International aufgestellt seien sie im Sportzentrum, «was natürlich seine Vor- und Nachteile mit sich bringt.»
Vor allem ist da dieses Sprachpotpourri: «In der Pause rede ich nach links auf Schweizerdeutsch, nach rechts auf Hochdeutsch, und auf der anderen Seite des Tisches höre ich Portugiesisch.» Das Potenzial für Missverständnisse sei entsprechend gelegentlich vorhanden. Aber: «Alle geben sich Mühe, um einander zu verstehen.»
Ausserdem, betont Pascal, sei es sehr spannend, verschiedene Kulturen kennenzulernen. «Da entdeckst du einen Kollegen beispielsweise in der Pause beim Beten, mit einem anderen sprichst du über den Ramadan.» So könne er selbst seinen Horizont erweitern. «Und es tut auch mal gut, über die beiden Talseiten des Walensees hinauszublicken.»